Anmerkungen zum Buch von Erhard Seifert: „Der Zschopauer Pfarrer, Mystiker und Philosoph Valentin Weigel“
Seifert, einst geschätzter Lehrer in Scharfenstein und am Zschopauer Gymnasium, wurde schon als Schüler der vormaligen EOS mit dem Namen „Valentin Weigel“ konfrontiert. Im Ruhestand widmet er sich nun dem äußerst aufwendigen, mutigen Anliegen der akribischen Aufarbeitung des über 400-jährigen Forschungsstandes und der damit verbundenen – unterschiedlichen – Bewertung des Denkens und Handelns dieses Mannes.
Mehr als zwei Jahrzehnte (1567 – 1588) lebte und amtierte Weigel als Pfarrer in Zschopau, einer Kleinstadt mit damals kaum 1 300 Einwohnern innerhalb der Ringmauern, die den intellektuellen Fähigkeiten des Hochbegabten und -gebildeten, der seine Studien über 19 Jahre (!) an der Fürstenschule St. Afra Meißen sowie den Universitäten Leipzig und Wittenberg absolvierte, wohl nur bedingt entsprach. Die Berufung des aus ärmlichen Verhältnissen Stammenden durch seinen „Mäzen“, den sächsischen Kurfürsten August I., der nahezu „parallel“ (1568 -1572) Hieronymus Lotter mit dem Bau der Augustusburg beauftragte, duldete selbstverständlich keinen Widerspruch.
Als Zeitgenosse von „Vater August“, dessen Gattin Anna (°) sowie de facto Nachbar des Oberlandforstmeisters Cornelius von Rüxleben erwarb sich Weigel in Zschopau schnell einen exzellenten Ruf als mitreißender Prediger und allseits beliebter Seelsorger, zutiefst sozial denkender und handelnder Mensch, der ungewöhnlich große „Spuren“ hinterließ. Es dürfte einmalig in unserer Stadtgeschichte sein, wie Weigels Popularität sogar über mehrere Generationen nachhallte: So wird beispielsweise 1634 einzig sein Grab – Zschopau war im 30-jährigen Krieg gerade furchtbar verwüstet worden – schon wenige Stunden danach „von unbekannter Hand“ wieder gesäubert und hergerichtet (* S. 70).
Oder, heute sicher als Skandal tituliert, was im Januar 1711 – also 123 Jahre (!) nach Weigels Tod – bei der Sonntagspredigt des Pfarrers Reichel geschieht, der seiner Gemeinde in der Kirche „noch viel Weigelianisch Gift“ vorwirft; es kommt zu regelrechten Tumulten, der Türmer muss sogar die Sturmglocke ziehen … (* S. 46). Ein derartig drastisches Geschehen verdeutlicht zugleich, dass Weigel – bis heute – eine Art Schleier des Rätselhaften, Widersprüchlichen, nicht definitiv Geklärten umgibt. Selbst in seiner langjährigen Wirkstätte Zschopau fristet er eher ein Nischendasein, wird kaum erwähnt, geschweige denn gewürdigt. Keine Straße, kein Platz trägt hier Weigels Name; lediglich eine kleine Gedenktafel an abgelegener Stelle der Außenfassade – sowie eine Nachbildung (1888) des „Epitaphium Weigelii“ (Leichenstein) in Form einer Metallplatte im Altarbereich der Kirche (* S. 18, 72 f) erinnert an ihn. Spricht es gegen ihn, dass er seine (später nicht selten verbrannten) Schriften erst nach seinem Tod freigab? War er etwa ein Feigling, ein „Wolf im Schafspelz“, ein „verkappter“ Müntzer, zu Lebzeiten ein Star – später als Ketzer enttarnt?
Seifert wirbt für eine faire Bewertung von Weigels Tun und bettet dessen Schriften und ihre theologisch-philosophischen Hintergründe, die im 2. Teil des Buches ausführlich erörtert werden, in die historischen Umstände im 16. Jh. ein – einen hochkomplizierten „fast unentwirrbaren Knäuel“ (* S. 25). Die lutherisch-protestantische Reformation breitet sich in deutschen Landen, früh schon in Sachsen, und ganz Europa aus und stößt auf erbitterten Widerstand des Katholizismus. Tatsächliche und ideologische Schlachtfelder haben Hochkonjunktur. In diesen fast apokalyptischen Zeiten kämpfen beide Konfessionen im Bündnis mit den jeweiligen weltlichen, adligen Herrschaften um die „Reinhaltung“ ihrer Glaubensgrundsätze. So scheut beispielsweise auch die lutherische Orthodoxie in Sachsen nicht davor zurück, alle Pfarrer (und Lehrer) aufzufordern, eine „Konkordienformel“ zu unterschreiben, wenn sie ihr Amt weiter ausüben wollen (* S. 272). Weigel leistet dieses Bekenntnis – mit großem Unbehagen, denn ein derartig starres Dogma widersprach seiner religiösen Toleranz, seinem pantheistischen-, mystisch-spirituell beeinflussten Weltbild. Weigel dafür zu kritisieren, fällt später natürlich leicht …
„Mein Herz war immer ungewiß“ (* S. 32): Weigel war ein Suchender im Glauben, sich seiner Zweifel und inneren Zerrissenheit bewusst. Offen artikulieren konnte und wollte er sich nur im Schriftgut, im inneren Kreis der Familie und enger Freunde, deren Schutz – wie der seiner gesamten Gemeinde – ihm ganz wichtig war.
Auch wenn sich Erhard Seifert, den Weigel ein Leben lang „begleitet“ hat, ausdrücklich der Objektivität verpflichtet fühlt und Wertungen deshalb nur „behutsam“ andeutet, zeichnet sich das Bild eines außergewöhnlichen, verdienstvollen Zschopauer Bürgers ab, der endlich von Vorurteilen befreit – und „sichtbarer“ gemacht werden sollte! Dafür hat Seifert einen starken Impuls geliefert – keineswegs „leichte Kost“ für die Leser, doch eine sehr empfehlenswerte, die ein vernehmbares „Echo“ verdient …
(°) Man lese dazu auch das Buch des Zschopauers Reinhold Lindner: „In Annas Gärten“, 2020
Die mit (*) gekennzeichneten Inhalte beziehen sich ausschließlich auf Seiferts Werk, Teil 1, nicht auf die dort aufgelisteten Primär- und Sekundärquellen.
Autor: Dr. Christian Weber, Zschopau