Wenn Häuser erzählen könnten

Wenn Häuser erzählen könnten,

dann müsste das allseits bekannte Schützenhaus an der Witzschdorfer Straße heute sagen, dass es für die Zschopauer Schützen eine Heimstatt war und gleichzeitig ein beliebtes Ausflugslokal mit einem schönen Blick auf die Stadt Zschopau und dem Zschopautal sowie Vergnügungsstätte für Konzerte, Tanz und Theater.

Die Geschichte des Schützenhauses begann um 1781 mit dessen Einweihung. Bis dahin gab es in Zschopau ein Schießhaus an der Thumer Straße. Es wurde ab 1781 nicht mehr benutzt und brannte schließlich im Februar 1902 ab. Auf einem exakten Plan von Zschopau um 1789 ist das neue Schießhaus mit der Bezeichnung „g“ am Witzschdorfer Weg eingezeichnet.

Bemerkenswert ist die Darstellung einer längeren Anlage (kein Haus) und symbolhaft die „Vogelstange“, Dieses Symbol besteht aus einem senkrechten Pfahl mit seitlichen Verstrebungen. Noch erstaunlicher ist, dass dieses Vogelstangensymbol schon auf einer der ersten authentischen Zeichnungen von Zschopau eingezeichnet ist. Sie schuf Wilhelm Dilich um 1626, mit der Vogelstange an der gleichen Stelle. Das Vogelschießen an diesem Ort hatte also um 1781 bereits eine lange Tradition.

Im Buch „Sachsens Kirchen-Galerie Achter Band“ von 1842 gibt es ein Grafikblatt „Zschopau und seine Hauptgebäude“. Darauf ist auch das Schießhaus dargestellt. Auf einer kolorierten Grafik wird das Haus ziemlich genau wiedergegeben.

Das 1781 eingeweihte Schießhaus brannte Anfang 1849 ab. Der damalige Besitzer des Anwesens, Carl Uhlig, baute es sofort wieder auf, aber viel größer. Am 3. Dezember 1849 fand die offizielle Einweihung des neuen Hauses statt.

Wie aus dem Katastrationsprotokoll von 1853 zu entnehmen ist, bestand das Anwesen Schützenhaus mit der Ortlistennummer 320 aus dem unterkellerten Wohngebäude mit Stall a), aus dem Wassergebäude mit Toilette b), aus der Scheune c), aus dem Schießstandgebäude mit Vergrößerung d) und aus dem Gartengebäude e).

Carl Uhlig errichtete 1849 ein prägnantes Gebäude, welches auf vielen Ansichtskarten von Zschopau, wegen der Lage oberhalb der Stadt, nie fehlte. Mit Carl Uhlig gab es jede Woche Tanzvergnügen, gute Speisen, Bier und Unterhaltung. Die Annonce im Wochenblatt für Zschopau und Umgegend zu seinem Abschied am 4.5.1861 als Gastwirt zeigt die tiefe Verwurzelung mit seinem Lokal und dem Zschopautal.

Der Leineweber Herrmann Martin übernahm das „Schießhaus“ von Carl Uhlig am 11.5.1861 und setzte die Tradition seines Vorgängers fort. Herr Martin war nicht lange der Schießhauswirt. Er verpachtete sein Lokal ab Ostern 1864 an Ernst Klemm. Dessen Pacht ging aber nicht lange gut. Am 1.10.1866 wurde das Mobiliar versteigert.

Daraufhin pachtete Herr F. C. Knoll am 1.10.1866 das Schießhaus. Die Unterhaltung der Gäste ging wie gewohnt weiter. Wie fast schon Tradition, blieb auch Herr F. C. Knoll nicht lange der Schießhauswirt. Nach Streitigkeiten gab er die Pacht Ende März 1868 schon wieder ab und verließ Zschopau. Knoll`s Nachfolger, Herr Friedrich Wagner, übernahm am 2.4.1868 als Pächter das Schießhaus. Auch er wollte mit guten Speisen und Getränken die Gäste weiterhin erfreuen. Seine Pacht dauerte gerade 10 Monate, schon am 30.1.1869 gab er seine letzte Anzeige zum Tanzvergnügen auf. Schließlich kaufte Herr Carl Kühn am 1.2.1869 das Anwesen. Mit ihm endete eine achtjährige Ära mit vier Wirten.

Das Foto von 1884 zeigt das von Herrn Carl Uhlig 1849 erbaute Schützenhaus.

Herr Kühn war sehr rege und bot seinen Gästen viel. Die Gastwirtschaft lief gut. Aber er wollte mehr. Sein Plan für einen großen Umbau des Schützenhauses bekam am 29.9.1884 die Genehmigung.

Am Ostgiebel wurde die vorhandene Toilettenanlage erweitert, ein Waschhaus integriert und der ganze Anbau aufgestockt. Dort richtete der Eigentümer seine Wohnung ein. Die größten Bauarbeiten gab es am westlichen Giebel. Das alte Haus sollte um einige Meter in voller Höhe vergrößert werden. Im Erdgeschoss dieses Anbaues wurde an der Straßenseite ein Pferdestall untergebracht. Zum Garten hin war Platz für ein Speisezimmer mit drei Fenstern. Für die Gäste standen neben den drei Gastzimmern und der Schützenstube aus vergangener Zeit nun noch ein weiteres Zimmer zur Verfügung.

Im Obergeschoss ließ Kühn seinen Traum verwirklichen, eine große Bühne für das Orchester. Für die Musiker gab es ein zusätzliches Zimmer neben der Bühne.

Das Niveau dieses Zimmers und der Bühne waren gegenüber dem Saal erhöht. Damit die Musiker ihre Instrumente nicht durch den Saal tragen mussten, wurde eine große Außentreppe nötig. Sie diente auch als Notausgang. Mit diesen baulichen Erweiterungen war und wirkte das Schützenhaus noch imposanter.

Herr Kühn starb am 14.1.1895. Es ist anzunehmen, dass er die Fertigstellung seines Umbaus nicht erlebte. Zwischen Baugenehmigung und seinem Tod lagen nur vier Monate. Die Witwe Amalie Therese Kühn übernahm die Gastwirtschaft und gab sie um 1896 schrittweise an ihren Schwiegersohn, Karl Ludwig Emil Petzoldt, ab. Dieser meldete sein Gastwirtschaftsgewerbe, einschließlich Abhaltung von Konzert- und Tanzmusik, am 11.2.1896 an und erweiterte am 6.10.1901 seinen Gewerbeeintrag um die Abhaltung von Theatervorstellungen.

Anfang Februar 1900 schlug ein Blitz in das Schießgebäude auf der anderen Straßenseite ein und beschädigte das Dach. Die eingereichte Zeichnung zum Wiederaufbau gibt das Aussehen des Schießgebäudes gut wider.

Im Schützenhaus gab es bis zur Einleitung des Konkursverfahren am 25.1.1907 weiterhin regen Betrieb. Fünf Monate später erklärte Herr Albin Richard Ulbricht, dass er das Schützenhaus pachtweise übernommen hat. Als Schützenhauswirt hatte er auch kein Glück. Nach einem knappen Jahr war Schluss. Die Versteigerung seiner Besitztümer fand am 2.6.1908 statt. Herr Heinrich Oskar Finsterbusch erwarb umgehend das Schützenhaus und lud am 6.6.1908 zu seiner ersten Tanzmusik ein.

Im Frühjahr 1910 wurden strengere Brandschutzauflagen gestellt. Finsterbusch hatte damit Schwierigkeiten. Zum Tanz lud er letztmalig am 31.7.1910 ein. Seine Aktivitäten als Gastwirt dauerten nur zwei kurze Jahre. Friedrich Gotthilf Ebersbach kaufte das Schützenhaus zum 1.8.1910.

Die Werbung und das Foto mit dem Radfahrerverein „Edelweiss“ stammen aus dem Jahr 1912. Gut zu erkennen sind die 1884 gebaute Außentreppe und die Ausspannung (Pferdestall) darunter.